Geschrieben von Orlando Timmerman
Übersetzt von Kristina Beck
Korrektur gelesen von Marina Rottmueller
Korallen: Gewohnheitsmäßige Sternengucker
Die Natur bewegt sich in einem kosmischen Rhythmus. Von den wogenden Gezeiten, die der Anziehungskraft des Mondes folgen, bis hin zum Gesang der Singvögel, die den Sonnenaufgang begrüßen, das Leben auf der Erde ist eng mit der Bewegung von Planeten verbunden. Korallen, wie sich herausstellt, bilden da keine Ausnahme. Ein Team von Wissenschaftlern hat kürzlich unser Verständnis vertieft, wie Korallen ihr Ablaichen zeitlich abstimmen, indem sie die Rolle von Mondlicht und Dunkelheit untersucht haben1. Da das Ablaichen von Korallen für die Erholung von Riffen nach Störungen von entscheidender Bedeutung ist und dies potenzielle Anwendungen für die Vermehrung und Ansiedlung von Larven bietet, sind diese Erkenntnisse für den Erhalt dieser wertvollen Riffökosysteme von entscheidender Bedeutung2.
Ein mystischer Schneesturm unter Wasser
Das Ablaichen von Korallen – der Prozess, bei dem Korallen Milliarden von Spermien und Eizellen (auch Gameten genannt) freigeben – klingt fast mythisch. Einmal im Jahr, bei einem Ereignis, das oft mit einem Schneesturm unter Wasser verglichen wird, koordiniert jede Korallenart ihr Ablaichen auf einen Zeitraum von nur ein paar Nächten. Dies findet in der Regel um den Vollmond herum statt. Diese Synchronie maximiert die Chancen auf eine erfolgreiche Befruchtung zwischen Individuen der gleichen Art. Aber da es am Meeresboden zu nass ist, um einen Kalender zu führen, besteht die Frage, wie Korallen es schaffen, dieses genaue Timing einzuhalten.

Abbildung 1: Eine laichende Koralle am Great Barrier Reef. Bildnachweis: Gabriel Guzman via Australian Geographic.
Wie bleiben Korallen im Takt?
Frühere Forschungen haben gezeigt, dass Unterschiede im Mondlicht eine wichtige Schlüsselrolle spielen und genetische und physiologische Prozesse auslösen, die zur Reifung und Freisetzung der Gameten führen3. In Anbetracht der unübersichtlichen, komplexen Umweltbedingungen im Flachwasser der Ozeane ist die ganze Geschichte jedoch noch viel komplexer. Tatsächlich sind Korallen wählerisch und ihr Ablaichen ist artspezifisch. So ist eine bestimmte Acropora-Art – die fingerartige, verzweigte Koralle, die wohl das Aushängeschild der Korallenriffe im Indopazifik ist – ein Beispiel für eine Korallenart, die sich dem Trend widersetzt. Bei dieser Art wählen verschiedene Kolonien unterschiedliche Monate zum Ablaichen, was zu einem „geteilten Laichen“ führt4. Um das unübersichtliche Geflecht von Umwelteinflüssen zu entwirren, hat sich ein Team von Wissenschaftlern an die Arbeit gemacht, um herausfinden, ob das Laichen dieser Art eine Reaktion auf das Mondlicht selbst, oder auf die Zeit der Dunkelheit nach Sonnenuntergang ist.
Um dies zu untersuchen, wurden Korallenfragmente vorsichtig von ihren Heimatkolonien entnommen und in umgebungskontrollierte Aquarienbecken gebracht, wo die Forscher ihren Gesundheitszustand überwachten, bevor sie sie an einen Versuchsstandort in der Nähe des Palau International Coral Reef Center umsiedelten. Dies ermöglichte den Wissenschaftlern aus Newcastle einen besseren Zugang zu den Korallenfragmenten während der gesamten Studie.
Um die Rolle der Lichtexposition zu testen, entwickelten die Forscher eine einfache, aber elegante Lösung: speziell angefertigte pyramidenförmige Hauben. Nach einer Eingewöhnungszeit in ihrem neuen Zuhause wurden die Korallen bei Sonnenuntergang in die Haube gesteckt. Jede Nacht, vor und nach dem Vollmond, erhielten einige der Korallenfragmente eine völlig undurchsichtige Haube – ähnlich einer Augenmaske -, die das Mondlicht vollständig abschirmte. Einige Korallen wurden die ganze Nacht hindurch verhüllt, während andere für eine gewisse Zeit den Nachthimmel sehen durften. Weitere Korallen erhielten durchsichtige Abdeckungen, und eine letzte Gruppe wurde unbedeckt gelassen. Durch diese sorgfältige Planung wurde sichergestellt, dass alle beobachteten Unterschiede beim Ablaichen auf die Lichtverhältnisse, und nicht einfach auf das Vorhandensein einer Abdeckung, zurückgeführt werden konnten.
Um das Ablaichen zu überwachen, stülpten die Forscher Auffangschalen kopfüber über jedes Fragment. Jeden Morgen, wenn die Hauben entfernt wurden, wurden diese Becher auf Anzeichen von Ablaichen untersucht: winzige Keimzellen, nicht größer als Salzkörner. Je nach Anzahl der freigesetzten Keimzellen wurden die Ablaichereignisse als „wesentlich“ oder „gering“ eingestuft.
Ein komplexer Zeitmesser
Die Studie zeigte, dass die Korallen in zwei Runden ablaichten: eine festgelegt für März und eine für April. Im Gegensatz zu früheren Studien waren die Korallen in der Lage, auch bei fehlendem Mondlicht synchron zu laichen5. Darüber hinaus war bei den Korallen, die mindestens zwei aufeinander folgende Nächte im Dunkeln verbracht hatten, das Ablaichen im Vergleich zu den Kontrollproben erhöht. Dies deutet darauf hin, dass Zeiten der Dunkelheit nach Sonnenuntergang bei bestimmten Acropora-Arten eher als Auslöser für das Laichen dienen können als das Mondlicht. Dies deutet darauf hin, dass dieser Mechanismus weiter verbreitet ist als bisher angenommen.

Abbildung 2: Zugedeckte Korallen verschieben ihre Laichzeiten im Vergleich zu Korallen, die im Freien stehen1.
Ein Ozean im Wandel, ein Takt im Wandel?
Trotz Fortschritten beim Verständnis, wie Mondphasen und Dunkelheit das Ablaichen von Korallen beeinflussen, sind die genauen Vorgänge nach wie vor schwer zu verstehen. Licht ist eindeutig nur ein Teil eines komplexen Puzzles, in dem Wechselwirkungen zwischen anderen Faktoren wie der Meerestemperatur das Bild verkomplizieren6. Auch der Mensch trägt zu dieser Komplexität bei, indem er das Ablaichen der Korallen durch künstliches Licht möglicherweise beeinflusst7, da sich die Meeresbedingungen im Zuge des Klimawandels verändern, wird sich zeigen, ob die Korallen ihr Timing an die neuen Umweltbedingungen anpassen können. Zukünftige Forschungen werden entscheidend sein, um festzustellen, wie widerstandsfähig diese Zeitmessung anhand des Mondes ist – und ob sie sich an eine sich verändernde Welt anpassen können, bevor die Zeit abläuft.
Quellen:
1 [Main article] de la Torre Cerro, R. et al. (2025) ‘Evaluating the role of moonlight-darkness dynamics as proximate spawning cues in an Acropora coral’, Coral Reefs. Available at: https://doi.org/10.1007/s00338-025-02618-9.
2 Project Coral (2025) Horniman Museum and Gardens. Available at:https://www.horniman.ac.uk/project/project-coral/ (Accessed: 18 February 2025)
3 Kaiser, T.S. and Neumann, J. (2021) ‘Circalunar clocks—Old experiments for a new era’, BioEssays, 43(8), p. 2100074. Available at: https://doi.org/10.1002/bies.202100074.
4 Gouezo, M. et al. (2020) ‘Multispecific coral spawning events and extended breeding periods on an equatorial reef’, Coral Reefs, 39(4), pp. 1107–1123. Available at:https://doi.org/10.1007/s00338-020-01941-7.
5 Kaniewska, P. et al. (2015) ‘Signaling cascades and the importance of moonlight in coral broadcast mass spawning’, eLife, 4. Available at: https://doi.org/10.7554/elife.09991.
6 Lin, C.-H. and Nozawa, Y. (2017) ‘Variability of spawning time (lunar day) in Acropora versus merulinid corals: a 7-yr record of in situ coral spawning in Taiwan’, Coral Reefs, 36(4), pp. 1269–1278. Available at: https://doi.org/10.1007/s00338-017-1622-5.
7 Davies, T.W. et al. (2023) ‘Global disruption of coral broadcast spawning associated with artificial light at night’, Nature Communications, 14(1), p. 2511. Available at: https://doi.org/10.1038/s41467-023-38070-y.
